27.02.2012
Cloud Computing
Von: Johannes Kelch

Cloud Computing im Trend

Alter Wein in neuen Wolken

Das Wachstum des Cloud Computing findet zum großen Teil in den sozialen Netzwerken sowie durch Umbenennung bereits seit langer Zeit genutzter Technologien und Services statt.


Auch für das Jahr 2012 hat der Branchenverband Bitkom das Cloud Computing zum „wichtigsten Technologie- und Markttrend“ gekürt. „Cloud Computing und Sicherheit, Mobility und soziale Medien werden die bestimmenden Themen sein“, sagte Bitkom-Präsident Dieter Kempf kürzlich in einer Prognose zum deutschen ITK-Markt 2012 voraus. Ein großer Anteil der aufziehenden Wolken wird erneut auf soziale Netzwerke entfallen, mithin die Sphäre der privaten Internet­user und nicht die Unternehmens-IT. Hier verzeichnet eine im Auftrag des Bitkom von Forsa erstellte Umfrage immer mehr angemeldete Personen. Nicht nur Jugendliche und junge Erwachsene ziehen in die Clouds der sozialen Medien, sondern auch die „digital immi­grants“ aus der Generation 50plus. Bei Facebook, Twitter und Xing vermehren sich zudem die Nutzer aus Unternehmen wie die Heuschrecken. Zunehmend tummeln sich hier bloggende Chefs, kontaktfreudige Vertriebsleute, neugierige Personalchefs, werbende Marketingprofis und Daten auswertende „Business-Analytics“-Spezialisten.

Ein weiterer Trend der ITK-Branche besteht darin, etwas als Cloud zu identifizieren, was seit Jahren oder gar Jahrzehnten unter anderem Namen gang und gäbe war. Beispiel: Software as a Service (SaaS) oder Application Service Providing (ASP) für Steuerberater. Die 1966 gegründete Genossenschaft Datev stilisiert sich neuerdings als „Pionier des Cloud Computing“. In einem aktuellen Pressetext heißt es wörtlich: „Seit nun vier Jahrzehnten bietet der IT-Dienstleister Services an, die heute unter modifizierten sowie technisch aktuellen Vorzeichen unter dem Begriff Cloud wieder breite Aufmerksamkeit finden.“ Basis der Services von Datev ist wie in der Vergangenheit ein sicheres Rechenzen­trum, dem heute vom Betreiber das modische Etikett „geschlossenes Cloud-System“ angeheftet wird. Konkurrent Stollfuss Medien bezeichnet seine Software-Services für Steuerberater auf der eigenen Website als „ASP-(Online-)Lösungen“. Beim Rechenzentrumsbetreiber Pironet NDH, den Stollfuss für den IT-Betrieb ausgewählt hat, mutiert ASP aus dem Hause Stollfuss in einer „Success Story“ zum Service „aus der Business-Cloud“.

Klassisches Lizenzmodell bevorzugt

Nur wenige Unternehmen wagen sich derzeit mit ihrer IT in die Welt der „Public Cloud“, vor der nicht nur das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik BSI regelmäßig warnt. Die Studie „User Survey 2011 – Software Usage and Investments by IT Users in the DACH Region“ der Marktforscher von Pierre Audoin Consultants PAC zeigt, dass IT-Anwenderunternehmen ihre Software auch heute „eher im klassischen Lizenzmodell und nur selten als Software as a Service beziehen“, so ein Pressetext von PAC. Weiter heißt es da: „Offenbar überwiegt bei vielen IT-Verantwortlichen die Skepsis gegenüber Cloud-Lösungen.“

Die Ausnahme bestätigt die Regel. So äußert sich Stefan Truthän, geschäftsführender Gesellschafter und IT-Leiter der Ingenieursgesellschaft „Hhpberlin“ bereitwillig und euphorisch über die genutzten Cloud-Dienste von Microsoft. Mit Plänen und Bauleistungen für den Brandschutz öffentlicher und privater Bauten erarbeiten die Mitarbeiter von Hhpberlin einen Umsatz von 7,5 Mio. Euro pro Jahr. Noch laufen in Berlin „alte klassische Serverinfrastrukturen“ mit Windows 2008 für ein CAD-Programm, doch mehr und mehr kommt die IT via Internet zu Monatsgebühren aus einem Rechenzentrum von Microsoft: Office-Programme, E-Mail-Dienste, Telefonie und Collaboration- und Kommunikationsdienste. „Ich modularisiere das Nutzungsverhalten“, sagt Stefan Truthän. So erhalten etwa 20 „Überflieger“ das komplette Angebot, studentische Hilfskräfte dagegen nur die Möglichkeit, Mails zu lesen.

Einzelne Services wie das „Desktopsharing“, das zur Einsicht in Brandschutzpläne quer zu Standorten und Arbeitsplätzen nutzbar ist, werden monatlich gegen geringe Pauschalen hinzugebucht. „Für unser Unternehmen wäre es extrem aufwendig, in einem Projekt für eine eigene On-Premise-Lösung Funktionen wie Desktopsharing zu realisieren“, erklärt der IT-Leiter. Langfristig will er „möglichst mit allen Infrastrukturkomponenten“ in die Public Cloud. Sicherheitsbedenken wischt er mit den Argumenten zur Seite, die „Datenabschottung“ ergebe keinen Sinn, die Mitarbeiter kommunizierten permanent mit den Kunden und benötigten „überall Zugriff auf die Daten“, viele Pläne seien öffentlich einsehbar, die Bilanz der Hhpberlin könne man im Internet nachlesen, zudem verstehe Microsoft wesentlich mehr von Sicherheit.

Virtualisierung als Cloud

Mittlere und große Unternehmen im deutschsprachigen Raum nutzen die seit langem existenten technischen Möglichkeiten der Konsolidierung, Virtualisierung und Zentralisierung ihres IT-Betriebs, auch gekoppelt mit Outsourcing. So hat die Division „Exterior & Interior“ des österreichisch-kanadischen Automobilzulieferers Magna mit 4.500 Mitarbeitern an etlichen Standorten den operativen SAP-Betrieb in ein Rechenzentrum von T-Systems in Wien ausgelagert. T-Systems hat als alleiniges Betriebssystem Linux und die Server konsolidiert, virtualisiert und zentralisiert. Die IT-Abteilung der Magna-Division passt jedoch nach wie vor die Applikationen an firmenspezifische Anforderungen an und optimiert die Geschäftsprozesse. Es handelt sich hier um ein Beispiel für „Transformational Outsourcing“.

Vor allem in den USA ist inzwischen ERP-Software as a Service eingeführt. So gehört der Autozulieferer Inteva aus Troy, Michigan, zu den Kunden des Cloud-ERP-Anbieters Plex Online. Etwa 1.200 Inteva-Mitarbeiter an 14 über den Globus verstreuten Standorten arbeiten mit der Software aus dem Rechenzentrum des US-Anbieters. In Deutschland hält sich die Akzeptanz solcher Cloud-Offerten noch in engen Grenzen, es existiert auch noch kein Plex-Online-Rechenzentrum in Europa.

Vereinzelt nutzen größere Unternehmen in Deutschland neue Cloud-Angebote zu dem Zweck, die Zusammenarbeit mit Lieferanten und Kunden von unsicheren Kommunikationsformen wie E-Mail zu befreien. Die Dieffenbacher GmbH, Hersteller von Produktionsanlagen für die Holz- und Automobilzulieferbranche mit 1.600 Mitarbeitern und Anwender von SAP R/3, setzt die „Folio Cloud“ des österreichischen Softwareunternehmens Fabasoft für die Online-Zusammenarbeit mit externen Partnern ein. Personen, die sich ein Mal über eine „Digital-ID“ (den neuen deutschen Personalausweis oder die österreichische Bürgerkarte mit Handy-Signatur) legitimiert haben, können in einen „Teamroom“ Dokumente uploaden und in „Chats“ Einzelheiten zu einem Projekt klären.

Projekte und ein neues Etikett

Ein Nutzen des Cloud Computing wird neuerdings auch für den Staat behauptet. Die Studie „Cloud Computing für die öffentliche Verwaltung“ des Berliner Fraunhofer-Instituts Focus und der Hertie School of Governance kommt zu dem Schluss, es bestehe dank Cloud Computing „ein hohes Potential für die Modernisierung behördlicher IT“. Vorgeschlagen wird in der Untersuchung vor allem „eine Konsolidierung öffentlicher IT-Strukturen“. Im wolkigen Jargon der IT-Branche sprechen sich die Forscher für einen Zusammenschluss mehrerer Dienstleister oder Rechenzentren in einer „Community Cloud“ aus.

Unter dem Namen „Trusted Cloud“ entwickeln nun 44 Unternehmen und 22 Forschungsinstitute in 14 ausgewählten Forschungsprojekten „Lösungsansätze zur Beseitigung technischer, struktureller, organisatorischer und rechtlicher Hemmnisse“ für den Einsatz von Cloud Computing im öffentlichen Sektor und im Mittelstand, nicht jedoch für Großunternehmen. Mit Ergebnissen ist im Jahr 2014 zu rechnen. Ob die behaupteten Potentiale zur Modernisierung der behördlichen IT ausgeschöpft werden können, ist fraglich. Stattdessen entsteht im Projekt „goBerlin“ ein „Marktplatz für vertrauenswürdige Dienste aus Verwaltung und Wirtschaft“.

Nach Informationen der Website www.trusted-cloud.de kommt es jetzt zum „Aufbau der Marke ‚Trusted Cloud – Made and Secured in Germany‘ (national und international)“.

Bildquelle: iStockphoto.com/SergeiMKharitonov


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