Patrick Heinen, Progress Software
„Der Anfang ist gemacht“
Interview mit Patrick Heinen, Principal Solution Consultant bei Progress Software, über die Herausforderungen im Lieferkettenmanagement und mit welchen Möglichkeiten diese bewältigt werden können

Patrick Heinen ist Principal Solution Consultant bei Progress Software.
IT-DIRECTOR: Herr Heinen, was sind die häufigsten Probleme im Lieferkettenmanagement eines Großunternehmens?
P. Heinen: Eine Reihe der aktuellen Herausforderungen ist branchenabhängig. Fertigungsunternehmen müssen immer wieder die Mindestbestände neu festlegen, damit die Produktion nicht zum Stillstand kommt. Das Gleiche gilt für Händler, die ihre Regale mit den richtigen Produkten in der richtigen Größe und einer ausreichenden Menge bestücken müssen. Anbieter von Consumer-Elektronik müssen die sich schnell ändernden Wünsche von Verbrauchern rechtzeitig erkennen und ihre Produktzyklen entsprechend anpassen. Trotz aller Unterschiede ist ein Problem in allen Lieferketten anzutreffen: aktuelle Daten. Das Supply Chain Management (SCM) ist entscheidend von der Verfügbarkeit aller relevanten internen und externen Daten abhängig. Dazu kommt eine Vielzahl neuer Datenquellen. Man denke nur an das Internet der Dinge. In Anbetracht der riesigen Datenflut ist es wesentlich, die wichtigen von den unwichtigen Informationen zu trennen. Dabei zählt die Geschwindigkeit. Wer schneller ist, erzielt Wettbewerbsvorteile.
IT-DIRECTOR: Aus wie vielen und welchen Stadien, die miteinander verknüpft sein müssen, setzt sich eine Lieferkette in der Regel zusammen?
P. Heinen: Eine gute Orientierung liefert das SCOR-Model mit den Stufen Plan, Source, Make, Deliver und Return, sprich Planung, Beschaffung, Herstellung, Lieferung und Rückgabe. Es bietet damit eine kompakte Beschreibung der wichtigsten Abläufe einer Lieferkette. Komplikationen entstehen daraus, dass sich Softwarehersteller auf einzelne Aspekte konzentrieren. Es fehlt immer noch eine ganzheitliche End-to-End-Sicht auf die interne und externe Lieferkette.
IT-DIRECTOR: Wie ist es generell möglich, die einzelnen IT-Subsysteme innerhalb einer Lieferkette aufeinander abzustimmen, damit sie synchron laufen?
P. Heinen: Cloud Computing – mit den Möglichkeiten der flexiblen Nutzung von Anwendungen und Verfügbarkeit modularer Applikationen – bietet Unternehmen eine vor Jahren noch nicht gekannte Flexibilität. Organisationen sind damit in der Lage, ihre Anwendungen für die Logistik, das Lagerwesen oder die Absatz- und Produktionsplanung mit externen Lösungen zu kombinieren und so mehr Effizienz in der Lieferkette zu erzielen.
IT-DIRECTOR: Wie sieht der Abgleich der verschiedenen Systeme konkret aus?
P. Heinen: Gegenwärtig sind die Applikationen in Silos eingesperrt. Wichtige Informationen können nur durch den Zugriff auf ERP-Systeme ausgetauscht werden. Das führt zu unnötigen Verzögerungen und Problemen mit der Datenkonsistenz. Viele Unternehmen haben versucht, die Anforderungen mit individuellen Lösungen zu bewältigen. Das kostet Zeit und viel Geld. Denn steht ein Update an, ist der Aufwand enorm.
IT-DIRECTOR: Wie bleiben die verschiedenen Prozesse für den Anwender transparent und planbar?
P. Heinen: Nur die wenigsten Prozesse sind transparent, auch wenn einige Teilbereiche bereits optimiert sind. Darunter leidet unter anderem die Planung: Sind nicht alle Informationen vorhanden, können Unternehmen auch nur eingeschränkt planen.
IT-DIRECTOR: Inwiefern fragen Großunternehmen entsprechende Softwarelösungen nach?
P. Heinen: Viele halten ständig Ausschau nach neuen Lösungen und suchen Technologien, die ihre vorhandenen Applikationen ergänzen und erweitern. Niemand will ohne Not seine bisherigen Lösungen komplett ersetzen. Verschiedene Hersteller versuchen, den Unternehmen ein „Rundum sorglos“-Paket zu verkaufen. Solche Angebote leiden oft darunter, dass sie in einigen Bereichen herausragende Leistungen bieten, in anderen aber kaum mehr als der Durchschnitt. Daher besteht immer noch ein großer Bedarf an Best-of-Breed-Lösungen, die sich auf die eigentlichen Business-Probleme konzentrieren.
IT-DIRECTOR: Welche Lösungen bietet Progress Software an dieser Stelle an?
P. Heinen: Unternehmen haben in den vergangenen Jahren umfangreiche Investitionen im SCM-Bereich getätigt und wollen diese schützen. Statt alles neu machen zu wollen, steht heute die Verbesserung der operativen Reaktionsfähigkeit auf der Agenda. Die vorhandenen Lösungen und neue Applikationen müssen dazu besser aufeinander abgestimmt werden. Die SCM-Lösung Progress „Time-in-Transit Solution Accelerator“ etwa bietet in Echtzeit einen detaillierten Einblick in Geschäftsabläufe von Lieferketten und ermöglicht, potentielle Fehler frühzeitig zu erkennen und abzustellen. Supply-Chain-Manager erhalten einen direkten Einblick in aktuell ablaufende Geschäftsprozesse und können bei unerwarteten Ereignissen die Prozesse anpassen. Anwender sind damit in der Lage, ihre Geschäftsprozesse fortlaufend zu verbessern – ohne negative Auswirkungen auf die IT-Infrastruktur und ohne vorhandene Systeme ersetzen zu müssen.
IT-DIRECTOR: Wie gestaltet sich die Integration einer entsprechenden Lösung in die vorhandene IT-Infrastruktur?
P. Heinen: Die Integration erfolgt über Konnektoren, die in Echtzeit Daten aus den operativen Systemen ermitteln. Diese Informationen werden in einer Datenbank für weitere Analysen abgelegt. Mit Hilfe einer integrierten grafischen Benutzeroberfläche, dem Control Tower, können Fachanwender die Abläufe in einer Lieferkette in Echtzeit verfolgen und bei Bedarf sofort eingreifen. Als Steuerzentrum bietet der Control Tower umfangreiche und leistungsfähige Visualisierungs- und Analysefunktionen, um mögliche Risiken in den Lieferketten rechtzeitig zu erkennen und geeignete Gegenmaßnahmen einzuleiten.
IT-DIRECTOR: Welche aktuellen Anwenderbeispiele können Sie uns nennen?
P. Heinen: Wir unterstützen einen Anbieter von IT-Lösungen und -Services dabei, eine End-to-End-Transparenz bei der Einhaltung von Garantieansprüchen zu erhalten. Hier geht es u.a. um Geschäftsprozesse wie die Einhaltung der Service-Level-Agreements, das End-to-End-Monitoring von Ersatzteilen, die Personalplanung für Servicemitarbeiter und das Beschwerdemanagement sowie das Disaster-Recovery-Management. Dieses leitet beispielsweise nach Brand- oder Wasserschaden sowie nach Naturkatastrophen in Echtzeit Ausweichprozesse ein und garantiert somit die Erfüllung der SLAs. Der Provider bietet seinen Geschäftskunden u.a. garantierte Reaktionszeiten innerhalb von zwei Stunden. Bei Nichterfüllung können empfindliche Strafzahlungen fällig werden, daher ist ein proaktives Monitoring dieser Prozesse unverzichtbar. Auch bei einem international tätigen Logistikdienstleister kommen SCM-Lösungen von uns zum Einsatz. Im Fokus stehen dabei die physische Warenversorgung, Handelsfunktionen sowie Supply-Chain-Informations- und Planungsleistungen.
IT-DIRECTOR: Welche Rolle spielt für die Anwender das Thema „Sicherheit“ – insbesondere in der Cloud?
P. Heinen: Die Datensicherheit hat immer Priorität, das gilt auch für Cloud Computing. Der Nutzen übersteigt hier eindeutig die Risiken. Je mehr Cloud-Lösungen die Unternehmen nutzen, desto mehr Fortschritte wird es auch bei der Datensicherheit geben. Der Ausfall der Amazon-Cloud-Services im Frühjahr 2011 verdeutlicht aber, dass Unternehmen solche Risiken nach wie vor einkalkulieren müssen.
IT-DIRECTOR: Welchen Herausforderungen muss sich das Lieferkettenmanagement zukünftig stellen?
P. Heinen: Daten, äußere Einflussfaktoren und Fachkräfte. Bei den Daten müssen Unternehmen sich auf eine steigende Komplexität bei strukturierten und unstrukturierten Daten einstellen, die aus den unterschiedlichsten Quellen stammen, beispielsweise von Social-Media-Plattformen und mobilen Anwendungen. Was das Marktumfeld angeht, bot 2011 viele Beispiele für Naturkatastrophen und unerwartete politische Ereignisse, die das Wirtschaftsleben massiv beeinflussten. Die Überschwemmungen in Thailand etwa haben die PC-Branche massiv beeinträchtigt. Aber auch die Schuldenkrise in Europa und die Ausschläge auf den Finanzmärkten betreffen die Lieferkette auf unterschiedlichste Art und Weise. Ein weiterer Punkt ist der Fachkräftemangel, über den Unternehmen klagen. Erst seit einiger Zeit gibt es im Bildungs- und Hochschulbereich gezielte Ausbildungsangebote. Der Anfang ist gemacht, aber für die Zukunft muss sich noch deutlich mehr tun.
Titelinterview
mit Stefan Maierhofer, Senior Director für Zentral- und Osteuropa bei F5 Networks
Titelthema
IT-Infrastrukturen: Ruckzuck von 0 auf 100
Software
Business Intelligence: Datenberge bezwingen
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