15.12.2011
Supply Chain Management
Von: Ulrich Meister

Community Clouds in der Lieferkette

Gemeinsam in der Wolke

Im Bereich der Zusammenarbeit zwischen OEM und Zulieferer könnten Community und Private Clouds die Zukunft bilden.


Wenn Naturkatastrophen einsetzen, gerät auch die weltweite Wirtschaft ins Stocken, da viele Produktionsprozesse quer über den Globus miteinander verzahnt sind. Die Automobilhersteller etwa produzieren heute nur noch 20 Prozent der Fahrzeugteile an ihren eigenen Produktionsstandorten. Die restlichen 80 Prozent bringen spezialisierte Zulieferer als Einbaumodule vorgefertigt direkt ans Band. Zwischen 3.000 und 5.000 Zulieferer und Sublieferanten sind in der Automobilindustrie inzwischen notwendig, um ein neues Auto zu bauen. Leder kommt aus Südafrika, wird in Spanien eingefärbt und beim Sitzhersteller weiterverarbeitet. Was aus Kostengründen sinnvoll ist, erweist sich allerdings für die Planung von Lieferketten als äußerst komplex. Daher setzen alle Industrien mit kleinteiligen Lieferantenbeziehungen auf Supply-Chain-Management-Programme (SCM), mit denen sie ihre Lieferketten steuern.

Fukushima und aktuell Thailand haben gezeigt, dass klassische SCM-Software in Extremsituationen an ihre Grenzen stößt. So hat die Flut rund um den Chao Phraya die weltweite Fertigung von PCs beeinflusst. In Thailand wurden nach Angaben des US-Marktforschungsunternehmens IDC im ersten Halbjahr 2011 mindestens 40 Prozent aller Festplatten gefertigt. Mehr als zwölf Hersteller – darunter Werke von Toshiba oder Western Digital – in den überschwemmten Industrieparks nördlich von Bangkok mussten die Produk­tion vorübergehend einstellen. Auch zahlreiche Zulieferer für Aufhängungen der Schreib- und Leseköpfe oder Motoren waren von der Naturkatastrophe betroffen. Zwar seien die Festplatten für das Jahr 2011 weitgehend produziert und ausgeliefert, weiß IDC, aber für das erste Quartal 2012 würden den PC-Herstellern Engpässe drohen. Produktionsverlagerungen seien nicht möglich, da die anderen Werke schon am Limit produzieren. Zudem sind die Preise für die Komponenten um das Drei- bis Vierfache gestiegen.

Vor diesem Hintergrund zeigt sich, dass selbst ausgefeilte Lieferketten trotz SCM ins Wanken geraten können. Der Grund dafür ist nicht in der Software selbst zu suchen, sondern im komplexen Beziehungsgeflecht zwischen den Partnern. So werden Informationen in einer mehrstufigen (n-tier) Lieferkette von Stufe zu Stufe weitergegeben. Das kostet Zeit und führt häufig zu einer Entkopplung der produzierten Mengen vom tatsächlichen Bedarf. Eine minimale Nachfrageveränderung beim Endkunden kann durch die Kette zu ungewolltem Bestandsaufbau auf nachgelagerten Bauteilstufen führen (Bullwhip-Effekt). Transparenz über eine Ausnahmesituation in der Lieferkette – wie beispielsweise der Ausfall eines wichtigen Lieferanten – hat in der Regel nur der direkte Geschäftspartner. Und der versucht, die Situation zu retten und Ersatz zu finden. Auch hier geht in der Kommunikation über mehrere Stufen wertvolle Zeit verloren, die dem OEM für eine Reaktion auf die Situation fehlt.

Eine Plattform für alle Fälle

Da die meisten Zulieferer mehrere Kunden beliefern, wird aus der Lieferkette schnell ein Netzwerk mit exponentiell steigender Komplexität. Zwar sind viele Prozesse inzwischen automatisiert, aber außergewöhnliche Ereignisse erfordern flexible Reaktionen. Die heutigen Systeme sind sehr proprietär und taugen für Ex­tremereignisse nur bedingt. An dieser Stelle kommt Cloud Computing mit seinen verschiedenen Ausprägungen ins Spiel. Die Disponenten seitens der Zulieferer und des OEMs benötigen eine durch IT unterstützte Transparenz der Gesamtsituation sowie kurze und einfache Kommunikationswege. Eine Lösung bietet eine branchenspezifische Supplier Management Base, an die sich alle Lieferanten anbinden lassen. Damit könnten alle Partner bei Bedarf auf alle notwendigen Daten zugreifen und Lieferengpässe schneller überbrücken. Eine solche Lösung könnte in einer Private Cloud bereitstehen und damit alle erforderlichen Sicherheits- und Verfügbarkeitsvoraussetzungen erfüllen.

In diesem Zusammenhang entwickelt sich derzeit der Begriff der Community Cloud. Solche Clouds bieten sich dort an, wo Unternehmen gleiche Anforderungen und Aufgaben haben und die vorhandene Infrastruktur gemeinsam nutzen wollen. Dafür ergänzen die Community Clouds bestehende Private Clouds und nutzen eine branchenübergreifende Lösung, die ein Provider für sie bereitstellt. Solche Bezugsmodelle vereinen mehrere Vorteile in sich: Sie verringern den Kapazitätsbedarf jedes einzelnen Teilnehmers, da sie Ressourcen gemeinsam nutzen. Sie reduzieren den Overhead und damit die Kosten. Schließlich helfen sie Unternehmen, nach und nach auf weitere Cloud-Dienste umzusteigen. Damit arbeiten Unternehmen in der Wolke zusammen, z.B. in der Entwicklungsphase. Jeder Partner erhält Zugriff auf entsprechende Daten und Programme, um gemeinsam im Team zu arbeiten. Alle geschäftskritischen Daten verbleiben in der gesicherten privaten Cloud-Umgebung.

Ein deutscher Automobilbauer und Kunde der T-Systems nutzt seit Jahren eine Kommunikationsplattform, die global über ein gesichertes Portal erreichbar ist. So gelingt es, mit Lieferanten sowohl das Bestandsbedarfs- als auch das Bedarfskapazitätsmanagement durch einen einzigen Kommunikationsweg abzudecken. Ein Engpassmanagement informiert OEM-Disponenten rechtzeitig über bestehende oder drohende Engpässe. Lieferanten fordert das System automatisch auf, Engpässe zu beseitigen. Das System deckt sogar das N-TierManagement ab und ist ein wichtiges Instrument für das Logistik-Controlling. Eine solche Lösung könnte als Basis für eine Community Cloud einer ganzen Branche zur Verfügung stehen.

Community und Private Clouds sind nach Einschätzung der T-Systems im Bereich der Zusammenarbeit zwischen OEM und Zulieferer die Zukunft, denn sie vereinen den Wunsch der Unternehmen nach Datensicherheit mit der Notwendigkeit, Kosten zu sparen. Die Sicherheit der Unternehmensdaten wird weiterhin eine wesentliche Rolle spielen, was die Nutzung von Public Clouds für SCM-Anwendungen einschränkt. Laut einer aktuellen Studie von Price Waterhouse Coopers werden Terroristen und Cyber-Kriminelle weltweit vernetzte Lieferketten ins Visier nehmen. Bis 2030 soll der durch Hacker verursachte Schaden durch Angriffe auf IT-Systeme für Logistik deutlich steigen. Wer seine IT einem Hochsicherheits-RZ anvertraut, profitiert von maximaler Sicherheit bei geringeren Kosten.

Bildquelle: iStockphoto.com/alexsl


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