04.05.2011
Zeitschriften, Dokumentenmanagement
Von: Lea Sommerhäuser

Viel Getöse um Moreq

Interview mit Bernhard Zöller, DMS-/ECM-Berater der Zöller & Partner GmbH


Bernhard Zöller, Geschäftsführer der Zöller & Partner GmbH

IT-DIRECTOR: Welchen Nutzen bringen Standards mit sich?
B. Zöller:
Erstens: Bei zertifizierbaren Produkten kann man darauf hoffen, dass bestimmte Funktionen verfügbar sind, ohne dies selbst nachprüfen zu müssen. Wenn ein DMS die Archivelink-Schnittstelle der SAP unterstützt, weiß man zumindest, dass die Kernfunktionen zur Verknüpfung zwischen SAP und dem Archiv zur Verfügung stehen. Ob dies performant, mit viel oder wenig Aufwand, mit einfachen Werkzeugen oder in Assembler programmiert werden muss, bleibt hingegen unklar.

Zweitens: Ist die Funktionalität über die Norm komplett vom System entkoppelt, kann man hoffen, dass man an dieser Stelle eine gewisse Anbieterunabhängigkeit erhält. Wer seine PDF/A-Dokumente von System A auf System B migriert, muss wenigstens die Dokumentenformate nicht migrieren. Aber hier taugen die meisten DMS-Standards wie Domea, Moreq, CMIS, etc., die auch zur Integration zwischen verschiedenen Systemen dienen, gar nicht. Denn diese Spezifikationen werden immer um projektspezifische Besonderheiten angereichert, die wiederum für Migrationsaufwand sorgen.

IT-DIRECTOR: Gelten die Standards nur in Deutschland, Europa oder weltweit?
B. Zöller:
ISO-Standards gelten erst einmal weltweit, werden aber sehr unterschiedlich aufgenommen. Der ISO-Standard 15489 (Records Management) wird in vielen Ländern (so auch in Deutschland) weitgehend ignoriert, in anderen Ländern – Schweiz und Australien – spielt er eine größere Rolle in der öffentlichen Debatte. Allerdings ist er ebenfalls, wie andere Standards auf der Anwendungsebene, so unkonkret. Andere Standards wie Domea oder die technischen Richtlinien des BSI gelten nur für Deutschland.

IT-DIRECTOR: Inwiefern ist Moreq für die öffentliche Verwaltung in Deutschland maßgeblich?
B. Zöller:
Die vor zwei Jahren veröffentliche Moreq2-Spezifikation war unserer Meinung nach ein bürokratisches Monstrum, das mit viel Getöse im Markt lanciert wurde, um dann still und heimlich wieder zurückgenommen zu werden. Mittlerweile wird an Moreq2010 gearbeitet – einer Lite-Version von Moreq2 –, weil man auf die damalige Kritik aus dem Markt reagieren musste. Was mich immer wieder wundert: Wieso will man einen kompletten Anwendungsstandard schaffen, der dann auch wieder in der Praxis nicht akzeptiert wird? Warum wird kein Austauschstandard definiert, wenn wirklich mal Akten ausgetauscht werden sollen?

Aber es gibt kein einziges Positivbeispiel für einen Anwendungsstandard im öffentlichen Bereich: Wieso das nun sogar auf EU-Ebene in einem so komplexen Metier wie Dokumentenmanagement, Workflow und Archivierung funktionieren soll, ist mir ein Rätsel. Das ist Verschwendung von Steuergeldern, und in fünf Jahren wird nicht mehr darüber geredet. Bis dahin versuchen Berater und Zertifizierungsinstitute das Thema zu kapitalisieren.


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