14.12.2011
Branche, Supply Chain Management
Von: Lea Sommerhäuser

Dr. Erhard Schubert, Winckel

Zusammenspiel zweier Technologien

Interview mit Dr. Erhard Schubert, Technischer Leiter bei Winckel


„RFID hat in ihrer kurzen Geschichte schon einige Extreme durchgemacht. Visionäre sahen Chips in allen Geldnoten, Wurstpackungen und sogar unter der Haut“, berichtet Dr. Erhard Schubert, Technischer Leiter bei Winckel.

IT-DIRECTOR: Herr Dr. Schubert, inwieweit kommt in aktuellen SCM-Projekten die RFID-Technologie (Radio Frequency Identification) zum Einsatz? Wie groß ist die Nachfrage?
Dr. Schubert:
Wir nehmen ein deutlich gesteigertes Interesse an RFID-Projekten wahr und setzen aktuell mehrere Lieferkettenprojekte mit Großkunden um. Die hohen Effizienzvorgaben, die Unternehmen in diesem Bereich heute erfüllen müssen, machen RFID zu einem wesentlichen Erfolgsfaktor für diese Projekte. Die TU Berlin hat im Rahmen einer Studie vor kurzem insgesamt 150 deutsche und internationale Logistikunternehmen zu ihrem aktuellen oder geplanten RFID-Einsatz befragt. Das Ergebnis: Zwei Drittel der Unternehmen erproben die Technologie mindestens in einem Pilotprojekt, nur jedes fünfte Unternehmen plant in Zukunft keine weiteren RFID-Projekte.

IT-DIRECTOR: In welchen Branchen ist RFID generell sinnvoll, wo ist sie nicht einsetzbar?
Dr. Schubert:
RFID ist keine brachenspezifische Technologie. RFID lässt sich eigentlich auf eine sehr dünne Schicht in unterschiedlichen Prozessen reduzieren: die Identifikation. Diese kann aber mit RFID hoch effizient und vor allem automatisch durchgeführt werden. Identifikationsaufgaben finden sich aber in vielen Prozessen unterschiedlichster Branchen.

IT-DIRECTOR: Welche Möglichkeiten und Vorteile bietet jene Technologie?
Dr. Schubert:
Theoretisch mögliche Vorteile sind natürlich nur eine Seite der Medaille – viel interessanter ist im Regelfall die Frage, was sich praktisch realisieren lässt. Die erste Frage, die sich ein Unternehmen vor einem RFID-Projekt stellen sollte, lautet daher: Was sind die genauen Ziele, die mit dem Projekt verfolgt werden? RFID ist kein Selbstzweck – auch wenn die Technologie viele unterschiedliche Einsatzmöglichkeiten erlaubt, muss sie nicht für jedes Ziel die optimale Lösung darstellen. Grundsätzlich gilt: RFID bietet mehr Nutzen, je tiefer die Technologie in den jeweiligen Prozess eingebettet wird. In der Textilproduktion lässt sich z.B. jedes einzelne Kleidungsstück mit einem Tag versehen. Der Effizienz- und Informationsgewinn bei der Kommissionierung und Verpackung und bei der folgenden Flächenbewirtschaftung ist damit deutlich höher als bei einer getaggten Palette, die nur von A nach B transportiert wird. Natürlich lässt sich aber auch in dieser Anwendung die Prozesssicherheit durch den Einsatz von RFID steigern, beispielsweise durch automatische Identifikation bei der Verladung.

IT-DIRECTOR: Was sind Schwächen der Technologie?
Dr. Schubert:
Die Komplexität ist vielleicht zurzeit noch als Technologieschwäche zu sehen. Das Zusammenspiel der einzelnen Komponenten in Abhängigkeit der Umgebungsbedingungen ist vielschichtiger als landläufig vermutet. Zudem sind die Kosten für RFID anzuführen. Ein Kennzeichnungsmedium mit RFID ist automatisch teurer als ein einfaches Barcode-Label. Daher ist eine ganzheitliche Betrachtung der Prozesse unabdingbar. Trotz allem sind Amortisierungszeiten von unter einem Jahr keine Seltenheit, zumal sich die Investitionskosten nicht wesentlich von den Kosten für vergleichbare Identifikationssysteme unterscheiden.

IT-DIRECTOR: Welche Bedenken äußern die Anwender gegenüber RFID und wie räumen Sie diese Bedenken aus?
Dr. Schubert:
Oft ist zu Beginn eines RFID-Projektes nicht klar, wie und in welcher Form das geplante System am Ende umgesetzt wird. Mitunter stellt sich auch in der Planungsphase heraus, dass RFID nicht den ursprünglich erhofften Effizienzgewinn bringen kann. Wir planen daher bei jedem Projekt sogenannte Ausstiegspunkte ein, nach denen ein wirtschaftlich oder technisch nicht erfolgreiches Projekt ohne zu große Kosten beendet werden kann. Das steigert die wirtschaftliche Berechenbarkeit der Projekte für Unternehmen erheblich.

IT-DIRECTOR: Wie gestaltet sich die Einführung von RFID-Technologie bei einem Anwenderunternehmen i.d.R.? Mit welchem Aufwand ist zu rechnen?
Dr. Schubert:
Wir analysieren zu Beginn mit dem Kunden die in Frage kommenden Prozesse, um ein detailliertes Konzept und Pflichtenheft für das RFID-System zu erstellen. Je nach Umfang kann das sicherlich einige Tage oder sogar Wochen in Anspruch nehmen. Auf dieser Basis werden dann Angebote erstellt und Proof of Concepts durchgeführt. Erst danach wird die eigentliche Integration durchgeführt. Damit behält der Kunde stets die Kontrolle über den Fortschritt und die Kosten des Projekts. Bei richtiger Analyse und Konzeptionierung eines Systems bietet die RFID-Technologie das Potential, Prozesse grundlegend zu revolutionieren und damit einen kurzfristigen ROI zu erzielen.

IT-DIRECTOR: Welche Vor- und Nachteile bietet RFID gegenüber dem Barcode?
Dr. Schubert:
Wesentliche Vorteile von RFID gegenüber dem Barcode sind die Pulkerfassung, also die Erfassung von vielen Objekten nahezu gleichzeitig, und die Erfassung ohne direkte Sichtverbindung. Damit lassen sich auch verschmutzte Objekte oder Objekte durch Schrumpffolien hindurch identifizieren. Hier haben optische Systeme bekanntermaßen Schwierigkeiten. Weiterhin sind die Möglichkeiten der automatischen Erfassung, also ohne den bewussten Scan und die Identifikation über größere Entfernungen zu nennen.

IT-DIRECTOR: Kann RFID auf Dauer den Barcode ersetzen?
Dr. Schubert:
Diese häufig gestellte Frage ist eigentlich unsinnig. Warum soll denn RFID den Barcode ersetzten? Der Barcode funktioniert doch sehr gut. Wir sehen vielmehr die Ergänzung, das Zusammenspiel beider Technologien. Viele Transponderetiketten werden mit RFID-fähigen Thermotransferdruckern initialisiert. Warum sollte man nicht zusätzlich einen Barcode aufdrucken? Der könnte zu einem späteren Zeitpunkt als Backup für einen ausgefallenen Transponder dienen. Oder beim Poolmanagement von Kunststoffboxen: 300 Kisten bei der Leergutannahme im Pulk mit RFID zu erfassen, ist kein Problem, aber unterscheiden Sie zwei dieser Kisten auf einem Förderband bei der Befüllung, wenn sie dicht an dicht stehen. Hier bietet der Barcode unter Umständen einen Vorteil. So lassen sich viele Beispiele finden, bei denen Barcode und RFID sehr gut zusammen die Lösung für die Aufgabe bieten.

IT-DIRECTOR: Welche Zukunft sagen Sie RFID voraus?
Dr. Schubert:
RFID hat in ihrer kurzen Geschichte schon einige Extreme durchgemacht. Visionäre sahen Chips in allen Geldnoten, Wurstpackungen und sogar unter der Haut. Die reale Verbreitung erfolgte dann weniger rasant als prognostiziert. Mittlerweile hat die Technologie ein stabiles Wachstum hingelegt und spielt bei der Prozessoptimierung in der Logistik eine wichtige Rolle. RFID ermöglicht prinzipiell auch die automatisierte Verfolgung von Objektbewegungen oder Warenbeständen. Auch bestimmte Zustände lassen sich über Sensoren erfassen und übermitteln. RFID hat mittlerweile eine so hohe technologische Reife erreicht, dass Unternehmen nur schwerlich auf die möglichen Effizienzvorteile verzichten würden. Wir gehen daher von einem kräftigen und stabilen Wachstum in den nächsten Jahren aus.


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