Für die Servervirtualisierung, bei der im Rechenzentrum mehrere virtuelle Server auf einem physischen Server abgebildet werden, spricht eine Reihe von Gründen, die von den meisten IT-Verantwortlichen in den Unternehmen bereits erkannt werden. Als vornehmlicher Treiber für den Einsatz der Technologie gilt dabei die Möglichkeit der Kostenreduktion. Es liegt auf der Hand, dass weniger Hardware geringere Anschaffungskosten bedingt, weniger Stellfläche erfordert und weniger Energie für Betrieb und Kühlung benötigt. Entsprechend rasch kann sich ein Virtualisierungsprojekt amortisieren, was auch erklärt, warum sich die Servervirtualisierung trotz gesunkener IT-Budgets vergleichsweise großer Beliebtheit erfreut.
So ergab eine im Januar veröffentlichte von Citrix Systems in Auftrag gegebene unabhängige Studie, dass 35 Prozent der befragten CIOs deutscher Unternehmen plane, Servervirtualisierungsprojekte im Lauf der nächsten 12 Monate aufzunehmen. Unternehmen, die sich für eine Investition in diese Technologie entscheiden, virtualisieren in der Regel jedoch nicht sämtliche Server. Ed Hallock, Senior Director of Solutions Management for IT Infrastructure and Operations beim international tätigen Softwareanbieter ASG, beobachtet: “Nur sehr wenige Organisationen sind ‚vollständig’ virtualisiert.“ Die meisten Unternehmen hätten damit begonnen, zunächst unkritische Lasten auf virtuelle Systeme umzustellen. Inzwischen begännen einige aber auch damit, produktionskritische Workloads auf virtuelle Systeme zu migrieren.
Die Entwicklung schneller voranschreitend sieht Martin Niemer (re.), Senior Product Marketing Manager EMEA des Virtualisierungsspezialisten VMware. Er sagt: „Viele Unternehmen befinden sich auf dem Weg von der initialen Virtualisierung von 20 bis 30 Prozent zur hundertprozentigen Virtualisierung der Server im Rechenzentrum.“ Niemer sieht die zunehmende Durchsetzung der Technologie in einer Nutzenverlagerung begründet, die sich von der Kostenreduzierung immer mehr in Richtung der Flexibilisierung der IT-Infrastruktur bewege. Die Umfragergebnisse der Citrix-Studie spiegeln eine solche Änderung der Sichtweise allerdings nur bedingt wieder. So rangieren bei den von CIOs wahrgenommen Vorteilen der Servervirtualisierung immer noch verringerte Gesamtkosten (Total Cost of Ownership) weit vor einer zunehmenden Flexibilität der Infrastruktur.
Der Desktop wird zum Service
Ganz anders urteilen IT-Leiter, wenn es um die Vorteile geht, die sie sich von der jüngeren Technologie der Desktopvirtualisierung versprechen, die auch als Virtual Desktop Infrastructure (VDI) oder Hosted Virtual Desktop (HVD) bezeichnet wird. Dabei wird die gesamte Arbeitsplatzumgebung eines PCs virtualisiert und als Image zentral auf Servern im Rechenzentrum gehostet und verwaltet. Anwender greifen mit ihrem Terminal, Fat- oder Thin-Client über das Unternehmensnetzwerk oder das Internet auf ihre zum Service gewordenen Arbeitsplatzumgebungen zu oder lassen sich den Desktop auf ihr jeweiliges Endgerät streamen. Außerdem bieten einige Anbieter wie VMware oder Citrix auch Offline-Lösungen an, bei denen ein virtueller Desktop auf einen Client geladen und verwendet werden kann. Bei einer erneuten Verbindung mit dem Netzwerk erfolgt dann die Synchronisation mit dem Rechenzentrum.
Genau diese Flexibilität ist es, die zwei von drei befragten IT-Leitern als größten Nutzen bei der Desktopvirtualisierung betrachten. Iris Musiol (re.), Produktmarketing Manager Desktop Virtualisierung bei Sun Microsystems, weiß, unter welchen Voraussetzungen sich diese Flexibilität bezahlt macht. Sie erklärt: „Desktopvirtualisierung ist etwa in Firmen interessant, die viele im Home Office arbeitende Außendienstmitarbeiter beschäftigen. Diese können immer auf ihren persönlichen PC zugreifen, egal wo sie gerade arbeiten.“ Gleichzeitig weist sie aber auch daraufhin, dass VDI nicht immer die erste Wahl ist: „Bei einigen Szenarien ist es überhaupt nicht sinnvoll, auf Desktopvirtualisierung umzustellen. Beispielsweise können Firmen hervorragend mit bestehenden Server-based-Computing-Umgebungen arbeiten.“
Werden die Anbieter von Virtualisierungslösungen für den Desktop nach den nötigen Voraussetzungen gefragt, die auf Seiten des Netzwerks und der Server erfüllt werden müssen, damit ein Umstieg auf VDI gelingt, scheinen pauschale Antworten kaum möglich zu sein. So gibt Musiol an, die technische Machbarkeit sei theoretisch immer gegeben. Wichtiger sei jedoch die Frage, wann und bei welchen Unternehmen die Desktopvirtualisierung sinnvoll ist. Auch Robert Panholzer, Vertrieb und Business Development Parallels Central Europe, sehe selten Hürden bei der Infrastruktur. „Eine wichtige Bedingung für VDI“, ergänzt er hingegen, „ist die Bandbreite der vorhandenen Leitungen.“
Auch Panholzer (re.) kennt Szenarien
, in denen sich die Desktopvirtualisierung nur begrenzt eigne. Er bringt sie auf die Formel: „Je weniger Laptops, desto größer ist der Nutzen einer Technologie wie VDI.“ Stattdessen empfiehlt diese sich nach seinem Ermessen gerade nicht im Bereich mobiler Mitarbeiter. „VDI eignet sich insbesondere dort, wo eine große Zahl stationärer Arbeitsplätze vorzufinden ist, beispielsweise in administrativ arbeitenden Abteilungen“, lautet seine Empfehlung.
Investitionen oftmals unterschätzt
Die Idee einer orts- und geräteunabhängig zur Verfügung stehenden persönlichen Arbeitsumgebung, wie sie die Desktopvirtualisierung offeriert, hat natürlich eine große Attraktivität. Verheißungsvoll wirken auch die Möglichkeiten, die sich durch eine Verlagerung der IT-Administration ins Rechenzentrum ergeben, die Iris Musiol in einem Satz zusammenfasst: „In der Regel können virtualisierte Arbeitsplätze mit weniger administrativem Aufwand verwaltet werden, da das dezentrale Management am Arbeitsplatz durch Patches, Softwareversionsverteilung und Support entfällt.“
Wenn sich dadurch auch noch ähnliche Kostenverringerungen erzielen ließen, wie sie von der Servervirtualisierung her bekannt sind, sollte es nicht verwundern, wenn die Analysten des Marktforschungsunternehmens Gartner Recht behielten. Sie prognostizieren derzeitig, dass VDI-Lösungen bis zum Jahr 2013 ganze 40 Prozent des PC-Markts ausmachen werden.
Offenbar besteht aber noch ein gehöriges Maß an Erklärungsbedarf, was einerseits die zu erfüllenden Voraussetzungen für den Einsatz der Technologie und andererseits die dadurch entstehenden wirtschaftlichen Möglichkeiten anbelangt. Andreas Heberger (re.), Manager Server Infrastructure & Application Group bei Microsoft Deutschland, weiß aus der Praxis zu berichten: „Wir spüren ein zunehmendes Interesse an VDI-Lösungen. Allerdings stellt sich im Gespräch mit Kunden oftmals heraus, dass sich die erhofften Kostenvorteile anders als im Bereich der Servervirtualisierung nicht so einfach darstellen lassen.“ „Die notwendigen Investitionen im Rechenzentrum wie Aufrüstung der Server oder Bereitstellung der ausreichenden Bandbreite zum Nutzer“, berichtet er weiter, „werden oftmals unterschätzt. Viele Kunden erkennen dann, dass eine VDI-Lösung nicht unbedingt die geeignete Lösung für ihre Anforderungen darstellt, sondern oftmals eine Optimierung des Rich Client die kostengünstigere Alternative ist.“
Ein Umstieg auf VDI ist also zunächst mit Investitionen verbunden, die unter Umständen nicht unerheblich sind. Sven Wolf (re.), Technical Manager DACH bei Double-Take Software, erläutert, wofür diese aufgebracht werden müssen: „Auch wenn die Arbeitsumgebungen der einzelnen Mitarbeiter in Form virtueller Maschinen sauber voneinander getrennt sind, nutzen doch alle die gleichen physischen Ressourcen. Um hier auch in Spitzenzeiten akzeptable Antwortzeiten zu gewährleisten, ist eine großzügige Auslegung der Serversysteme erforderlich, auf denen die virtuellen Desktops gehostet werden. Auch die Anforderungen an die SAN-Infrastruktur sind erheblich, denn in einer VDI-Installation kann die virtuelle Maschine, die einen Desktop repräsentiert, bis zu einem Terabyte beanspruchen.“
Darüber hinaus darf nicht übersehen werden, dass die Verwaltung einer Virtual Desktop Infrastructure auch neue Anforderungen an die IT-Mitarbeiter stellt. Musiol nennt einige der entstehenden Aufgaben: „Virtualisierte Umgebungen verlangen neue Fähigkeiten im Bereich der Administration: Virtuelle PCs erstellen, klonen, verwalten, freigeben, Storageressourcen zuweisen etc.“ Um diesen gewachsen zu sein, fällt möglicherweise ein Schulungsaufwand an, der ebenfalls bezahlt sein will.
In welchem Maße und in welcher Geschwindigkeit sich die Desktopvirtualisierung hierzulande durchsetzen wird, hängt sicherlich davon ab, ob die Hersteller und Anbieter entsprechender Lösungen dazu in der Lage sind, ihren Nutzwert für den Anwender noch nachvollziehbar zu machen. Es bleibt abzuwarten, wie sie mit dieser Herausforderung umgehen.
Virtualisierungsindex
Im Januar wurde eine von Citrix Systems in Auftrag gegebene unabhängige Studie veröffentlicht, bei der 700 IT-Verantwortliche von Unternehmen mit mehr als 500 Mitarbeitern in Deutschland, USA, Kanada, UK und Japan befragt wurden.
Für die befragten deutschen Unternehmen ergaben sich dabei unter anderem folgende Ergebnisse:
Was halten Sie für die größten Vorteile der Servervirtualisierung?
Was halten Sie für die größten Vorteile der Desktopvirtualisierung?